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Plakat-Geschichte

Von 8. Dezember 2021 Juli 8th, 2024 BeInspired, Know-how
Plakat-Geschichte

Alte Werbeplakate gewähren uns tiefe, authentische Einblicke in die Vergangenheit. Doch woher kommen Plakate überhaupt? Wie sahen sie früher aus? Und wie haben sie sich im Laufe der Zeit verändert? Ein Überblick über mehr als 170 Jahre Plakat-Geschichte.

Serie Plakat-Wissen

Historische Plakate katapultieren uns zurück in längst vergangene Zeiten. Doch mehr als das: Als authentische historische Dokumente lassen sich gesellschaftliche und kulturelle Wandel nachvollziehen. Natürlich gibt es althistorische Vorläufer moderner Plakate. Schon in vorchristlichen Zeiten wurden zum Beispiel in Rom öffentliche Mitteilungen an belebten Plätzen auf Holztafeln geschrieben.

Dieser Beitrag soll jedoch eine grobe Übersicht über verschiedene Entwicklungen der modernen Plakat-Gestaltung unterschiedlicher Epochen geben – und stellt dabei natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die eingeteilten Zeitabschnitte sind keine harten Grenzen. Zwischen den Stilen und Trends gab es immer fließende Übergänge.

Plakat-Geschichte – vom Kunstwerk zum Sachplakat und zurück

Berliner Litfaßsäule im Jahr 1912.

Die Vorläufer moderner Plakate lassen sich bereits im 16. Jahrhundert nachweisen – damals plakatierten Veranstalter von Festen und alle Arten von Schaustellern mit handgeschriebenen Postern Fassaden an belebten Plätzen. Das wilde Plakatieren nahm in den folgenden Jahrhunderten Auswüchse an, die (zumindest im deutschsprachigen Raum) zu weitgehenden Verboten von Plakaten führten.

Erst durch die Idee Ernst Litfaß‘ im Jahr 1854, in Berlin Annoncier-Säulen aufzustellen und das wilde Plakatieren in geregelte Bahnen zu lenken, sorgte für die Legalisierung von Plakatwerbung. Darauf explodierte nicht nur die Zahl der inzwischen nach dem Erfinder benannten Litfaß-Säulen, sondern auch der Bedarf an Plakaten. Bereit seit 1798 war die Lithographie das Mittel der Wahl, um Plakate in großen Mengen zu drucken.

1850 – 1900: Ist das noch Kunst oder schon Plakat?

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lag sowohl die Gestaltung, als auch die Produktion in den Händen der Drucker. Durch die Möglichkeit legaler Plakatierung an den Litfaßsäulen wuchs jedoch der Konkurrenzdruck – und um sich von anderen Anbietern abzuheben, engagierten Firmen speziell in Frankreich Künstler, um auffallende Plakate zu gestalten.

Einer der gefragtesten Künstler jener Epoche war Jules Chéret – der praktischerweise nicht nur ein begnadeter Maler, sondern auch ausgebildeter Lithograph war. Die Idee des Parisers: Er ergänzte kunstvolle Motive um informative Textbausteine. Aus heutiger Sicht klingt das banal, doch im 19. Jahrhundert war das nahezu revolutionär. Mit detailverliebten Motiven lockte er die Blicke von Passanten auf die Plakate, mit großen Schriftelementen verbreitete er die Botschaft seiner Auftraggeber.

Et voilà: Das moderne Plakat war geboren. Zwar im Stil noch ganz im damals aufstrebenden Jugendstil verhaftet, in enorm geringen Auflagen produziert und oft auf drei Farben beschränkt, in der Wirkungsmacht jedoch eindeutig.

Jules Chéret: Werbeplakat für die Oper Orpheus in der Unterwelt (1858)

Jules Chéret: Konzertankündigung im Jardin de Paris (1897)

In der Anfangszeit unterschieden sich die Stile der Plakat-Künstler noch drastisch. Um die Jahrhundertwende etablierten sich mehr und mehr Formen der zeitgenössischen Kunst in den Motiven. Häufig wiederkehrende Merkmale von Plakaten um 1900 waren:

– Darstellung von Frauen
– dekorative, fließende Linien
– florale Ornamente
– Abstraktionen
– geometrische Formen

Alfons Mucha: Werbeplakat für das Champagnerhaus „Heidsieck & Co“, 1901

Alfons Mucha: Theaterplakat für La dame aux camélias (Die Kameliendame), 1896

1900 – 1945: Das Sachplakat setzt sich durch

Um das Jahr 1900 boomen Großstädte, immer neue Produkte fluten den Markt und aufwendig gestaltete, detaillierte Künstlerplakate, die oft erst auf den zweiten Blick die eigentliche Botschaft preisgeben, gehen in der latenten Reizüberflutung unter.

Einige Künstler spezialisierten sich im Zuge dieser Entwicklung auf die Gestaltung prägnanter, auf das nötigste reduzierter Reklame. Die Berufsbilder der Grafiker und Plakatgestalter etablierten sich, auch die Definition erster DIN-Formate befeuert diesen Trend. Die Stile sind nach wie vor bunt gemischt. An den Litfaßsäulen im deutschsprachigen Raum prangen zu dieser Zeit Plakate unterschiedlichster Kunstströmungen: Auf den Plakaten jeder Zeit finden sich Dadaismus, Futurismus, Kubismus, Bauhaus und Art Déco gleichermaßen.

Jupp Wiertz: Plakat für den Kosmetikhersteller F. Wolff & Sohn, 1926/1927

Marcel Słodki: Plakat zur Eröffnung der Künstlerkneipe „Voltaire“ in Zürich, 1916

Die Versachlichung der Plakate mit einfachen Motiven, simplen Strukturen und klaren Botschaften sowie im Stadtbild längst allgegenwertige Plakatwände führten jedoch zu einer weiteren Entwicklung in der Plakat-Geschichte: Schon im Ersten und besonders stark im Zweiten Weltkrieg wurden Plakate zu Propagandazwecken eingesetzt. Die Festigung vorurteilsbehafteter Feindbilder, Aufforderungen zur Unterstützung von Militär und Rüstungsindustrie sowie Durchhalteparolen waren die bestimmenden Motive zu Kriegszeiten.

James Montgomery Flagg: Propagandaplakat, das junge Amerikaner zum Eintritt in die Armee und zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg bringen sollte, 1917

Unbekannter Urheber: ein Propagandaplakat im Auftrag der Britischen Regierung, 1917

Wenn Sie sich speziell für Plakat-Geschichte zwischen 1900 und 1945 interessieren und tiefgreifendere Informationen suchen, dann sollten Sie unbedingt die hervorragende Dokumentation „Das Plakat – Die Geburt der modernen Werbung“ in der kostenlosen Mediathek von ARTE ansehen.

1945 – 1970: Wirtschaftswunder vs. Sozialismus

Nach dem zweiten Weltkrieg lassen sich erstmals von einzelnen Künstlern unabhängige Trends ausmachen. Beispiel West-Deutschland: Hier wuchs die Kaufkraft der Bevölkerung durch den Aufschwung der 50er und 60er Jahre massiv an – gleichzeitig orientierte sich die Mode und Jugendkultur an den USA.

Zudem wurden Plakate auch außerhalb von Kriegspropaganda politisch: Im Ostblock setzte sich der sozialistische Realismus mit klaren Botschaften und gedeckten Farben (ergänzt um viel Rot) durch. In der westlichen Welt wurde mit Plakaten Stimmung zu sozialen Problemen wie „The War On Drugs“, dem Vietnamkrieg und ökologischen Themen wie Umweltverschmutzungen Stimmung gemacht.

Trends und Stile begannen in dieser Phase, sich immer schneller zu überholen. Einzig der Swiss-Style, also Plakatdesigns, bei denen die Typografie selbst elementarer Teil der Gestaltungselemente sind, zog sich durch die knapp drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Photo by Museum Victoria on Upsplash

Photo by Library of Congress on Upsplash

1970 – heute: Konsum, Konsum, KONSUM!

In der jüngsten Vergangenheit der Plakat-Geschichte lässt sich längst keine einheitliche Strömung mehr ausmachen. Außer vielleicht: Es werden mehr. Erheblich viele mehr sogar. In Deutschland sehen laut Statista täglich über 28 Millionen Menschen mindestens eine Plakatwerbung – und das trotz zeitweisen Lockdowns, Home-Office und nur wenigen öffentlichen Veranstaltungen.

Der große Konkurrenzdruck hat dazu geführt, dass Plakate tendenziell bunter sind als vor einigen Jahren. Speziell mit den Möglichkeiten des modernen Offsetdrucks und des Digitaldrucks ist die Verwendung auffallender Grafiken und Illustrationen in knalligen Farben kein Kostenfaktor mehr. So werden vor allem Plakate mit starkem Fokus auf Produkte in auffallenden Farben beworben, um sich von Konkurrenten und auch vom immer unübersichtlicheren Straßenbild abzuheben.

Einige Trends haben sich in den vergangenen Jahren als relativ langlebig erwiesen:

Mirjam Haßler (FLYERALARM Azubi, Mediengestalterin): Plakat für fiktives Frühlingsfest

Dialekt und Designs mit Lokal-Kolorit

Ob Einzelhändler, Gastronomie oder einzelne Niederlassungen und Filialen einer großen Handelsketten – seit Jahren setzen Werbende bei Plakaten mit einer lokal eingegrenzten Zielgruppe auf Heimatgefühle. Das können landes- oder stadttypische Motive sein, in Mundart verfasste Slogans oder andere örtlich begrenze Eigenheiten, wie Feste, lokale Prominenz oder kulturelle Ereignisse.

Angelina Fischer (FLYERALARM Azubi, Mediengestalterin): Plakat für fiktives Fast-Food-Lokal

Scanbare Plakate

Speziell bei crossmedialen Kampagnen werden Verknüpfungen zwischen verschiedenen Werbemedien hergestellt. Die einfachste und nach wie vor beliebteste Möglichkeit dafür: QR-Codes.

Angelina Fischer (FLYERALARM Azubi, Mediengestalterin): Plakat für eine fiktive Ausstellung

Angelina Fischer (FLYERALARM Azubi, Mediengestalterin): fiktives Konzertplakat

Abstraktionen

Wachsender Konkurrenzdruck durch immer mehr Plakate hat nicht nur zu knalligeren und bunteren Motiven geführt – sondern teils genau zum Gegenteil: Wer weiß, dass die eigene Zielgruppe empfänglich für abstrahierte Motive ist, aus einzelnen Schlagworten einen größeren Zusammenhang herstellen kann oder in der Lage ist, Transferleistungen zu erbringen, der erreicht mit klaren Kanten oft mehr als mit detailüberladenen Bildern.

 Mirjam Haßler (FLYERALARM Azubi, Mediengestalterin): Plakat für fiktiven Optiker

Dominik Resch (FLYERALARM Azubi, Mediengestalter): Plakat fiktives Unternehmen lokalküche.de

Humor

Unternehmen, die sich ein junges, hippes Image überziehen wollen, setzen gerne auf humorvolle oder ironische Inhalte. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob es sich tatsächlich um ein junges, frisches Start-up oder um eine arrivierte Firma handelt – solange Slogans und Motive authentisch sind, kommt Humor immer an. Wer auf der Suche nach Best-Practice-Beispielen ist, der sollte einfach mal „BVG Plakatwerbung“ googeln …

Testimonials

Geht auch immer: Die eigene Marke mit der Bekanntheit beliebter Testimonials schmücken. Das können Sportler, Musiker, Entertainer, Schauspieler, Moderatoren oder jede andere Art an prominenten Personen sein.

Historische Plakate – viel Kunst, mehr Kommerz

Die Plakat-Geschichte steckt voller Irrungen und Wirrungen. Aus Kunstwerken entwickelte sich Massenwerbung – samt dunkler Stunden während Kriegszeiten und glanzvollen Comebacks mit Motiven, die zweifelsfrei als Kulturgut gelten. Man denke nur an ikonische Filmplakate von James Bond, Casablanca, Star Wars, Metropolis, King Kong … Selbst zu Beginn völlig banal wirkende Plakatwerbungen kann eine ungeahnte Strahlkraft entwickeln.

Oder, um es in den Worten des deutschen Grafikers Julius Klinger auszudrücken, der 1912 bereits feststellte: „Endlich wissen wir, dass wir nicht Ewigkeitswerte, sondern anspruchslose Arbeit schaffen, die naturgemäß der Mode des Tages unterworfen ist. (…) Dass unsere Arbeiten aber vielleicht einst in 50 oder 100 Jahren starke Kulturdokumente sein werden. (…) Und vielleicht werden unsere Arbeiten dann interessanter sein als die vielen, vielen Bilder, die in unserer Zeit zu Tausenden (…) gemalt wurden und die nichts dazu beitrugen, unseren Zeit einen nennenswerten Charakter zu geben.“

Dabei spielt es keine Rolle, wie kunstvoll oder pragmatische Werbeplakate gestaltet sind. Ob Theaterwerbung im 19. Jahrhundert, klassische Sachplakate im frühen 20. Jahrhundert oder moderne Produktwerbung – alle aktuellen und historischen Plakate eint ihr Zweck: das Verbreiten von Werbebotschaften.

Marco

Über Marco

Marco wurde das Bloggen in die Wiege gelegt und er ist die fleischgewordene Textmaschine im Team. Sein Interessengebiet ist groß und die Ideen sprudeln nur so aus ihm heraus. Ein Steckenpferd hat er: ökologische und gleichzeitig ökonomische Druckverfahren.

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